TÖRPIN. Ein modelliertes Pärchen steht auf dem Tisch. Als Vorlage. Daneben liegt Ton bereit. Irena Schultz, Vera Kasdorf und Annette Giermann schauen etwas ungläubig. Das sollen sie nachmachen? Sie drehen die Figur, stellen sie wieder hin und brechen sich ein Stück vom weichen Ton ab. Los geht es mit den ersten Versuchen. Die müssen sie zunächst allein machen. Dann erst hilft der Kursleiter. „Man muss ein Vorbild haben, nur aus dem Kopf, das ist zu schwer“, gibt Helmut Pratzel zu. Er hat im Törpiner Forum einen Kreativkurs ins Leben gerufen. Seit Juli haben fünf Frauen aus Sarow und Törpin als Ein-Euro-Jobber für ein halbes Jahr eine Beschäftigung in der „Alten Schule“ in Törpin gefunden. In den ersten Wochen sind schon viele verschiedene Dinge entstanden – geflochtene Körbe, Speckstein-Figuren, Karten, Bilder, Lavendelsäckchen und kleine Origamie-Kunstwerke. Mit Ton zu arbeiten, haben sie in dieser Woche begonnen. Seidenmalerei, Batic und andere kreative Sachen sollen noch folgen. „Es hat mich gestört, dass Hartz IV Empfänger immer primitive Arbeiten machen müssen, die keinem behagen und keine Freude machen“, erklärt Pratzel. Er wollte vielmehr etwas anbieten, was Freude macht, wo sich die Teilnehmer weiterentwickeln können, andere Techniken berühren und Interessenbereiche finden. „In jedem schlummert ein Kunstgefühl, ein Kunstverstand. Man muss es nur herauslocken.“ Viele Dinge hat Helmut Pratzel vorher auch noch nie gemacht. Bevor er seine Kursteilnehmer anleiten kann, wälzt er Anleitungsbücher, sucht sich Ideen, testet verschiedene Materialien. „Ich merke, der meint, er hat zwei linke Hände, doch etwas kann“, hat er in der kurzen Zeit festgestellt. „Ich bin froh, dass ich hier reingekommen bin“, meint Irena Schulz. Das sei sinnvoller als Laub harken und Hecken schneiden. „Es macht Spaß und wird nie langweilig.“ Am liebsten fertigt sie Gestecke und glaubt, dass sie das auch mit dem Ton ganz gut hinbekommt. Vera Kasdorf sieht es ähnlich. „Ich würde das gerne länger machen als nur ein halbes Jahr.“ Danach könne sie einiges und müsse dann schon wieder aufhören. Das findet auch Annette Giermann schade. Ihr geht das Körbe flechten und Malen leicht von der Hand. Sie fühlt sich wie die anderen wohl in der kleinen Gruppe. Die Ideen für die Kreativkursteilnehmer scheinen nicht auszugehen. Christine Neumann ist besonders geschickt an der Nähmaschine. So sollen noch Kostüme für die Kindertanzgruppe des Vereins geschneidert werden. Auch ein Segel für ein Schiffsmodell, das Helmut Pratzel mal vor 50 Jahren angefangen hat zu bauen, soll noch genäht werden. Es steht noch ohne Segel da. Als alter Hochseesegler zeigt Helmut Pratzel seiner „Damenrunde“ auch verschiedene Knoten, daraus sind schon Schlüsselanhänger entstanden. Papier schöpfen, Papier colorieren, aus gepressten Pflanzen Bilder herstellen, kleine Schachteln für Schmuckstücke fertigen und, und, und. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Auf einem Tisch werden die fertiggestellten Stücke bisher ausgestellt. Sie sollen noch verkauft werden, für so viel, dass die Materialkosten wieder herauskommen. Einiges geht in die Tombola beim Erntefest der Gemeinde. Auf den Kreativkurs gebracht haben ihn die Loitzer mit ihrem Kompetenzzentrum für Arbeitslose. Dort werde Ähnliches in mehreren Dörfern erfolgreich gemacht. „Das ist eine feine Sache, besser als Rasen mähen und Blätter sammeln.“ Für Interessierte aus anderen Dörfern will Helmut Pratzel die Türen der „Alten Schule“ weit offen halten. Jeder könne reinschauen und sich das Projekt anschauen. Er wünschte sich, wenn noch andere Bürgermeister in den Dörfern auf die Idee eines Kreativkurses kommen würden. „Weil es eine sinnvolle Sache ist.“
Quelle: Nordkurier, Demminer Zeitung vom 05.08.2010, Kirsten Gehrke (original)
